Ein Jupiter in Moll
Schon als kleiner Junge habe ich – dank meiner Mutter – überwiegend klassische Musik gehört, freilich ohne immer zu wissen, um welche Werke es sich im Einzelnen handelte. Zu Weihnachten und an Geburtstagen bekam ich häufig Schallplatten einer Serie geschenkt, die speziell für Kinder gestaltet war: Ein bunt illustriertes Heft gab Einblicke in das Leben jeweils eines Komponisten, die zugehörige Schallplatte ließ sein Werk lebendig werden. Besonders Mozart hatte es mir angetan, den ich 1979 zum zehnten Geburtstag erhielt. Ich verschlang das Kapitel über seine Kindheit regelrecht, wusste auch bald, warum auf dem Sockel der Spieldose meiner großen Schwester der mir bis dato etwas merkwürdig vorkommende Aufdruck „Eine kleine Nachtmusik“ stand, las mit echter Trauer von seinem frühen Tod und bewunderte schließlich jenes Musikstück, das die Autoren des Heftes als wahres Meisterwerk Mozarts priesen: die Jupiter-Sinfonie. Ich lief zum Plattenschrank meiner Eltern, aber ausgerechnet die 41. fand sich nicht. Doch in wenigen Wochen sollte es in die Sommerferien nach Österreich gehen, genauer nach Schladming, und auch ein Besuch im nahen Salzburg stand auf dem Programm. Mein Entschluss stand fest: Ich würde mein Taschengeld in eine Schallplatte mit der Jupiter-Sinfonie investieren, wenn möglich mit Karajan als Dirigenten, den meine Mutter verehrte. Schon im ersten Plattengeschäft wurde ich fündig und lief den ganzen Tag lang mit meiner Neuerwerbung durch Salzburg, schaute mir mit Mozarts Meisterwerk in der Hand sein Geburtshaus an und war einfach glücklich – obwohl es die berühmten „Schnürl“ regnete, denn die Tage mit schönem Wetter waren dem Wandern vorbehalten. Am Abend dann eine kleine Enttäuschung: Wir machten Ferien auf dem Bauernhof, und unsere Gastgeber besaßen keinen Plattenspieler. So reiste die Platte ungehört und gut verpackt zwei Wochen später mit nach Hause, und noch während wir das Gepäck ins Haus schleppten, wurde der Strom eingeschaltet und das schwarze Schmuckstück aufgelegt und es erklang diese fließende Melodie, die mich bis heute in ihren Bann zieht. Noch am selben Abend überspielte mein um seine Hifi-Anlage besorgter Vater die Schallplatte auf eine Kassette, und so hörte ich sie immer wieder fasziniert, meine Jupiter-Sinfonie. Oder was ich dafür hielt. Denn erst Jahre später, als ich damit begann meine Schallplatten durch CDs zu ersetzen und mir die Jupiter endlich in nie gekannter Qualität gönnen wollte, bemerkte ich den tragischen Irrtum: In der Hektik jenes Abends der Rückreise musste die Platte wohl mit der „falschen“ Seite auf dem Spieler gelandet sein – mit der Folge, dass ich für lange Zeit den 1. Satz der 40. Sinfonie ausgerechnet für den Beginn der von mir doch so verehrten 41. gehalten hatte. Und wann immer ich heute das Molto Allegro höre, das nach wie vor zu meinen absoluten Lieblingswerken der Klassik zählt, fällt mir diese Geschichte ein. Jupiter möge mir verzeihen ...




